Andacht zum 1.3.2021  für die Sitzung des Gemeindekirchenrates auf Zoom vom Barbara Rinke

Guten Abend in die Runde.

Ich habe für den heutigen Abend einen Vers aus Psalm 26 ausgesucht. Er begleitet meinen Mann und mich ein bischen durch die Coronazeit.

„Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses, den Ort da deine Ehre wohnt“.

Seit den Coronamonaten fahren und wandern wir durch unsere nähere Heimat und besuchen die kleinen Dorfkirchen. Wir freuen uns jedesmal, was wir dabei alles entdecken und erleben.Viele schöne, sanierte Gebäude, manche geöffnet, für manche kann man sich den Schlüssel holen. Es ist jedesmal wie in einem Drehbuch: es dauert nicht lange, dann  beobachtet uns jemand hinter der Gardine oder schaut aus dem Fenster. Ein freundliches Nicken genügt und ein paar Worte „Eine schöne Kirche haben Sie“  sage ich, und schon hellt sich das Gesicht des Angesprochenen auf. Hm,Sie sind wohl kirchlich ? Ja!     Und dann beginnt meistens eine längere Unterhaltung über den Kirchenbau, die Wende,Gott und die Welt.

Die Kirchen gehören zur Silhouette eines Dorfes, meistens mitten im Ort, oft sind sie das Wahrzeichen,mit dem Geläut sind sie die akustische Signatur und mit dem aufragenden Turm weisen sie auf eine andere Dimension unseres Lebens hin :das Wort Gottes.

Die Kirche scheint für viele Menschen noch immer ein wichtiges auf jeden Fall das emotionalste Gebäude im Dorf zu sein über das es was zu erzählen gibt. Die meisten  Dorfbewohner , so ist zu erfahren,sind schon lange nicht mehr drin gewesen, aber stolz  sind sie doch auf ihre Kirche.

 In anderen Orten stand der Bau Jahrzehnte leer, doch dann taten sich Bürger zusammen, um die Kirche wieder zum Leben zu erwecken. Gemeinsam  wurde Hand angelegt,Fördermittel beantragt wie in Hergisdorf. So ist in Hergisdorf  im Mansfelder Land ist eine neue Gemeinschaft entstanden aus Christen und Nichtchristen, Musik, Kirchenmusik,Buchlesungen halten sie vorerst zusammen.

Wie kommt es, daß Menschen noch immer eine besondere Beziehung zu ihrem Kirchengebäude entwickeln?

Ein Kirchenbau ist eben nicht nur das, was wir von ihm sehen. Er erzählt von den Menschen vor uns, von ihren Lebensgeschichten, von ihrer Gemeinschaft, von den Sorgen und Nöten, von Glück und Liebe. Und vor allem erzählt uns der Raum von den Gläubigen vor uns, erzählt von der Geschichte Gottes mit ihnen. Wir spüren, mit unserem Glauben stehen wir nicht am Anfang, wir sind Teil des Gottesvolkes, dem Gott seit tausenden von Jahren seine Treue hält. Die Hergisdorfer hatten entdeckt, dass eine Schwester von Martin Luther dort gewohnt hatte. Wenn Luther von Eisleben nach Mansfeld zum Besuch seiner Eltern lief, kehrte er wohl regelmäßig bei seiner Schwester ein, betete zuvor in der Kirche , so die noch heute gängige Erzählung. Luther hatte ja gerade seinen 475. Todestag und noch immer wird diese Geschichte erzählt.

Eine Kirche ist eben kein x-beliebiges Gebäude. Sie ist ein Haus, das uns beim Betreten hineinnimmt in eine Glaubensfamilie, die in vielen Generationen vor uns gegründet war und uns noch heute trägt. 

An diesem Ort ahnen wir, daß wir mit unseren irdischen Ängsten und Nöten nicht allein gelassen sind. Wir spüren eine besondere Art von Sicherheit, weil unser Glaube hier einen sichtbaren Anker hat, vertraut und trotzdem fremd.“ Die Stätte, da Deine Ehre wohnt“ , sagt der Psalmbeter, das klingt uns heute sehr fremd, passt  für manche Ohren nicht mehr in die Zeit. Der von mir sehr verehrte Theologe Fulbert Steffenski sagt das für unserer Zeit mit dem Satz“ Die Kirche ist ein durchbeteter und durch das Gebet geheiligter Raum. Hier können wir uns der Nähe und dem Schutz Gottes in besonderer Weise vergewissern.

Der Beter dieses Psalms ist auf der Flucht.Er schwebt in Lebensgefahr. In dieser Not sucht er Zuflucht im Tempel. Der Tempel wird zu seinem Zufluchtsort, zum Asyl. „ Herr, schaffe mir Recht, denn ich bin unschuldig“ ruft er zu Gott.Er trägt seine persönliche Not und Angst hinein in den Tempel,er wird zum Ort an dem er alles Bedrohliche seiner Gegenwart ablegen kann. Das kommt uns bekannt vor und gar nicht aus der Zeit gefallen. Wie gut, daß die Kirche auch heute noch Asyl gewährt.

Der Psalmbeter lehrt uns, die Liebe zu einem Kirchengebäude nicht zu trennen von den Herausforderungen der Gegenwart: Die Not der Gegenwart, die persönliche Not eines jeden Einzelnen, die Not einer Gemeinde und die vielen gesellschaftlichen Nöte unserer Zeit gehören hinein in den Raum der Kirche. Wir dürfen diese Nöte ausbreiten und zugleich eintreten für alle, die auf Heilung und Frieden hoffen. 

„ Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.“

Ich finde es großartig, daß wir diese wunderbaren Gebäude haben mit ihrem Reichtum an Möglichkeiten in jeder Stadt, in jedem Dorf. Viele überdauerten die Zeit, obwohl sie aussortiert wurden und anscheinend nicht mehr gebraucht. Sie sind wie ein  stilles Versprechen, sie scheinen zu warten auf Menschen, die sie brauchen ,ich zitiere nochmal Fulbert Steffenski , brauchen als Orte der“ Freiheit ,der Revolte, des Witzes, der Schönheit und der Anbetung, als Ort der verfemten Begriffe

und der ausgestoßenen Wörter: Gerechtigkeit, Mitleid, Barmherzigkeit,Trost Schutz des verfolgten Lebens , Sturz der Tyrannen. Und endlich ist die Kirche der Ort, an dem der Name Gottes genannt wird. Deshalb soll sie unserer Liebe gewiß sein.

Amen.

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